Yılbaşı — wie in der Türkei Silvester gefeiert wird
Wer über den Jahreswechsel nach Istanbul fährt, erlebt ein Fest, das auf den ersten Blick vertraut aussieht und auf den zweiten überhaupt nicht ist. In den Einkaufsstraßen hängen Lichterketten, in den Malls stehen geschmückte Bäume, und in den Schaufenstern sitzt ein Mann im roten Mantel. Nur: Das alles gehört nicht zu Weihnachten, sondern zu Yılbaşı — dem Jahresanfang.
Weihnachten ist in der Türkei kein Feiertag. Der 1. Januar dagegen schon. Und so hat der 31. Dezember all das übernommen, was in Deutschland auf zwei Feste verteilt ist: Geschenke, Familientisch, Baum und der Gabenbringer, der hier Noel Baba heißt und in der Neujahrsnacht kommt.

Milli Piyango — die Nacht der großen Ziehung
Kein Brauch ist so eng mit dem türkischen Silvesterabend verbunden wie die Milli Piyango, die staatliche Lotterie. Die Neujahrsziehung ist die größte des Jahres, und der Kauf eines Loses gehört für viele Familien so selbstverständlich dazu wie der Tannenbaum in Deutschland.
In den Tagen vor Silvester verkaufen Supermärkte, Kioske und fliegende Händler die Lose auf der Straße — ganze, halbe und Viertellose, weil man sich ein Los auch teilen kann. Am Abend des 31. Dezember läuft die Ziehung live im Fernsehen, und in vielen Wohnzimmern wird sie mit derselben Aufmerksamkeit verfolgt wie anderswo ein Fußballfinale.
Als Gast: Ihr könnt Lose an jedem Kiosk kaufen. Ein sehr türkisches Souvenir — und eines, das ihr am selben Abend noch einlöst oder wegwerft.
Der Granatapfel
Nach Mitternacht wird vor der Haustür ein Granatapfel auf den Boden geworfen, sodass er zerplatzt. Je weiter die Kerne springen, desto mehr Fülle und Glück soll das neue Jahr bringen. Der Granatapfel ist in der türkischen Kultur ein altes Symbol für Überfluss und Fruchtbarkeit, und der Brauch ist über den Bosporus hinaus im ganzen östlichen Mittelmeerraum verbreitet.
Rote Unterwäsche
Der Brauch, mit dem sich vor Silvester halb Istanbul selbst auf die Schippe nimmt: Rot bringt Glück — und zwar am wirksamsten als Unterwäsche. In den Tagen vor dem 31. Dezember hängt sie an jedem zweiten Straßenstand und in jedem Schaufenster, oft in ziemlich auffälliger Aufmachung. Verschenkt wird sie auch, meist mit einem Augenzwinkern.
Tombala
Vor Mitternacht wird gespielt, und zwar Tombala — türkisches Bingo mit Holzsteinen und Kartonkarten, das ganze Familien über Generationen zusammenbringt. Wer in den Tagen vor Silvester durch einen Basar geht, sieht die Sets stapelweise.
Der Yılbaşı-Tisch
Das Festessen ist ausladend und wird gleichzeitig aufgetragen, nicht in Gängen. Typisch sind lange Meze-Reihen, gefüllte Weinblätter, Reis mit Kastanien — und, überraschend für viele Gäste, ein gefüllter Truthahn. Der ist inzwischen Standard auf dem türkischen Silvestertisch. Dazu Rakı, mit Wasser verdünnt und langsam getrunken.
Was ihr davon in Restaurants findet und wo, steht unter Restaurants & Galamenü.
Weitere Rituale
Salz streuen an der Türschwelle, für Frieden im Haus.
Wasserhähne aufdrehen, damit das Glück fließt wie Wasser.
Wer als Erster ins Haus kommt — es gibt die Vorstellung, dass die erste Person nach Mitternacht das Glück des Jahres bestimmt.
Geschenke, die sich in den letzten Jahrzehnten fest etabliert haben und in der Neujahrsnacht überreicht werden.
Ist Silvester in der Türkei umstritten?
Diese Frage stellen deutsche Reisende oft, und die ehrliche Antwort ist: Es gibt konservative Stimmen, die Yılbaşı als westliches Fest kritisieren. In Istanbul merkt ihr davon als Gast praktisch nichts. Die Stadt feiert sichtbar, laut und in allen Vierteln — und der 1. Januar ist ein gesetzlicher Feiertag für alle.
Wo ihr das als Gast wirklich erlebt
In der Meyhane — Meze, Rakı, Fasıl-Musik, und die Tische ringsum feiern genauso. Nevizade und Asmalımescit in Beyoğlu, die Gassen hinter dem Markt in Kadıköy.
Auf dem Markt vor Silvester — die Straßenstände mit Losen, roter Unterwäsche, Granatäpfeln und Tombala-Sets sind ein eigenes Erlebnis. Der Fischmarkt in Kadıköy und die Gassen um den Ägyptischen Basar sind dafür die besten Adressen.
Weniger dagegen bei der Hotelgala — die ist für internationales Publikum gemacht und sieht in Istanbul aus wie in Dubai.
Häufige Fragen
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